Nachruf auf Dr. med. Heinz Herbert Schöffler
Am 10.12.2003 verstarb kurz vor seinem 82-sten Geburtstag der Arzt, Anthroposoph und Astrologe Dr.med. Heinz Herbert Schöffler. In Leipzig war Schöffler am 23.12.1921 geboren worden. Nach eigenem Bekenntnis hat er es zeitlebens als seine Aufgabe angesehen, Astrologie und Anthroposophie miteinander zu versöhnen.
Seine erste Begegnung mit der Astrologie hatte er 18-jährig durch die Lektüre des Buchs „Vom Geist der Astrologie“ von Oskar A.H. Schmitz. Nachhaltig prägte ihn dann die Begegnung mit dem Anthroposophen Heinz Wendel, der mit ihm 1939 sein Horoskop besprach, woraufhin er selbst sein Horoskop „transitmäßig verfolgte“. Dann wurde Dr. Walter Koch, bekannt durch seine Werke zur „Gestalthoroskopie“ und der „Aspektlehre Keplers“, sein Nachbar. Die räumliche Nähe brachte es mit sich, dass Astrologie zum alltäglichen Gesprächsthema wurde.
Über die Astrologie im Sinne einer möglichen anthroposophischen Annäherung hat Schöffler vier Bücher verfasst: „Goethes Leben aus den Sternen, kleines Lesebuch der Transitastrologie“, „Mozart und die Musik der Sterne“, „Gibt es eine anthroposophische Astrologie?“, „Das Lesen der modernen Sternenschrift. 12 Studien zu den Kompositionsgeheimnissen im Werk Rudolf Steiners“. Zuvor hatte er 1986 eine Schrift über „Das achte ökumenische Konzil von 869/870 und seine Folgen“ mit dem Titel „Der Kampf um das Menschenbild“ mit Beiträgen auch von Johannes Geyer, Stefan Leber, Willy Schwarz und Reinhard Wagner herausgegeben.
Um die Weihnachtszeit 1994 hatte er dann zusammen mit Frau Dr. Stáneva-Koepke die Idee, eine Anthroposophisch-Astrologische Arbeitsgruppe zu gründen. Am 1.4.1995 war es dann so weit; als Uranus das Tierkreiszeichen Wassermann betrat, fand um 15h Uhr die erste Versammlung in Dornach statt, zu der auch ich selbst, damals noch 1.Vorsitzende des Deutschen Astrologen-Verbandes, geladen war. Später, im Sommer 1997, bat er mich, die Leitung dieser Initiative zu übernehmen. Noch bis ins Jahr 2002 hinein war Dr. Schöffler zentraler Bestandteil der halbjährlichen Tagungen dieser Gruppe in Stuttgart - als Redner und aufmerksamer Zuhörer. Wer ihn kannte, liebte seinen Humor und seinen Kampfgeist und spürte sein Interesse an neuen originellen Gedankengängen. Er referierte über Sterbehoroskope, über lemniskatische Planetenbewegungen und schrieb noch im Jahr 2001 einen interessanten Bericht in der Zeitschrift „astroforum sternzeit, Nr.7/01 “ über seine Reise nach Kiew, wo er und Dr. med. Temenuga Staneva-Koepke vom 17.- 25. September 2000 vor Ärzten im Institut von Frau Professor N.E. Kostinskaja, das zur „Akademie für Volksmedizin“ gehört, ein Seminar zur Astrologie und anthroposophisch orientierten Medizin gehalten haben.
Schöffler in Kiew
Über seine Eindrücke und die Inhalte seines Seminars an der „Akademie für Volksmedizin“ in Kiew berichtete Dr. Schöffler: „Diese Akademie fasst alle alternativen Fächer von der Akupunktur bis zur vedischen Medizin zusammen (...) Fast nebenbei wurde ich in einen kleinen Klassenraum geführt, in dem etwa zwanzig junge Studenten über je einem Ephemeridenblatt gebeugt das Horoskop-Erstellen lernten. Jeder, der den Berichtenden kennt, weiß, wie sehr sein Herz erfreut war bei diesem Anblick. Am Ende unserer Seminarveranstaltung kündigte Frau Professor Kostinskaja einen 48-Stunden-Kurus für Teilnehmer des Seminars zur Einführung in das Technische der Astrologie an (...) Mir oblag es, "Astrologie in anthroposophischer Beleuchtung" in fünf Vorträgen bis zu 1 1/2 Stunden vorzustellen. Den ersten Zug tat ich in der Aufzählung markanter Mitteilungsschritte aus der Biographie Rudolf Steiners. Ich schilderte seine Begegnung mit Felix Kochützki in der Inzersdorfer Zeit um das 21. Lebensjahr, schilderte den Stil von dessen Horoskopanalysen an Hand eines Beispiels aus dem Jahre 1898 und machte verständlich, wie berechtigt Rudolf Steiners Beurteilung solcher Astrologie als eines wahren dilettantischen Aberglaubens sei. Die Leser-Fragenbeantwortung in Luzifer-Gnosis vom September 1905 wurde herangezogen: die wahre Astrologie ist eine ganz intuitive Wissenschaft (hierbei wurde ausführlich der Dreischritt Imagination, Inspiration und Intuition erklärt), dass kaum jemand heute die rechte Erkenntniskraft für diese Astrologie habe - gegenüber deren Höhe die Mitteilungen von Reinkarnation und Karma relativ trivial seien.
Dann wurde die instruktive Aufzeigung der Gleichheit des individuellen Gehirnes mit dem Sternenhimmel zum Zeitpunkt der Geburt (Kopenhagen 1911) gekennzeichnet, schließlich die grundsätzliche Erwähnung von 1914 herangezogen, wonach die gegenwärtige und in Zukunft heraufkommende Astrologie eine Spiegelung der ägyptischen Astrologie sei, welche aber anders, eben christlich, werden müsse. Die Schlussfolgerung wurde gezogen, dass sie einzig auf anthroposophischem Boden heraufkommen könne.
Der Hinweis an Rechtsanwalt Bruno Krüger wurde erwähnt, dass die Astrologie eine große Wissenschaft sei, die ihre Zeit erst in der Zukunft habe und zu deren Erläuterung die ganze Anthroposophie und "noch viel mehr" benötigt werde.
Am zweiten Tage stand der große Vortrag vom 8. Januar 1918 im Mittelpunkt, der zum Eingang festhält, dass wir jedesmal, indem wir auf die Uhr schauen, Astrologie treiben. Und dann folgt eine Beschreibung des Ganges der großen kosmischen Uhr - der Praecession gemäß -vom alten Indien mit dem Frühlingspunkt im Krebs und nach 2160 Jahren das alte Persien mit dem Frühlingspunkt in den Zwillingen; und so fort bis in die Gegenwart mit dem Frühlingspunkt in den Fischen.
Weiterhin wurde hingewiesen auf jene Vorträge vom November 1912, welche beinhalten, dass man eher Sterbehoroskope analysieren solle als Geburtshoroskope, weil man da ja frei von allen Egoismen in Bezug auf die Lebensereignisse sei. Und man könne - namentlich, wenn man den Verstorbenen im Leben gekannt habe - unter Umständen sehr wichtige und interessante Dinge herauslesen. So haben wir einige Geburts- und Todeshoroskope führender Anthroposophen der ersten Generation betrachtet, namentlich dasjenige von Wilhelm Spiess, der zur Geburt ein Stellium im Stier von mehreren Planeten hatte. (...)
Die Spannung bei den Zuhörern stieg, als davon berichtet wurde, dass Rudolf Steiner darauf hingewiesen habe, dass schon die Astronomie gegenwärtig der Korrektur bedürfe. Mit diesem Hinweis wurde die Darstellung der beiden Sternkonstellationen eingeleitet, welche Rudolf Steiner in seinem ersten medizinischen Kursus 1920 angegeben hatte. Denn das war ja das Eigentliche, was die Zuhörer sich von einem astrologieverständigen Arzt versprochen hatten: medizinisch-relevante Angaben Rudolf Steiners.
Zunächst die astronomischen Grundlagen: also die Planeten umlaufen die Sonne nicht in Ellipsen, sondern die Sonne und die Erde laufen in einer Lemniskate, die Sonne der Erde um einen Viertel Lemniskatenast voraus; draußen weit entfernt ziehen die obersonnigen Planeten ihre Bahn; und drinnen um den Lemniskatenstrahl laufen die untersonnigen Planeten Mond, Merkur und Venus:
Bei dieser Voraussetzung wird vollkommen klar, dass die obersonnigen Planeten ein völlig anderes Bild von der Sonnenbahn erhalten als die untersonnigen: die Betrachter, die mit einem obersonnigen Planeten unterwegs sind, sehen von der Sonnen- (Erden-) Bahn vor allem ihre hervortretenden Rundungen. Dagegen nimmt man von den Bahnen der untersonnigen Planeten aus die Erden-Sonnenbahn als einen zumeist geraden Strahl war - vor allem, weil man dessen Krümmungslauf ja mitmacht. Rundung und gerader Strahl, das sind ja die polaren Gestaltelemente des Menschen: runde Schädeldecke und gerader Extremitätenstrahl.
Wenn nun eine abbauende Konstellation (von 90 oder 180 Grad) in den Wintermonaten auf die Rundung ausgelöst von einem obersonnigen Planeten auftritt, dann wird in dem - impressiven - Felde um die Rundung etwas ausgelöscht. Das impressive Feld um die Rundung aber ist doch das, was unser Sensorium wahrnimmt. Und wenn dort etwas ausgelöscht wird, dann entsteht etwas wie unser Schlaf. Und wenn es sich um Wirkungen des Hauptplaneten Saturn handelte, so erhielte man einen etwa dreißigjährigen Rhythmus: 1920, 1890, 1857, 1830 usf. Das ist der Rhythmus der großen Grippeepidemien. Und die angegebene Konstellation ergibt höchstens die Möglichkeit einer kosmischen Diagnose. Wir verstehen jetzt zutiefst, dass Rudolf Steiner die Grippe als eine Art Schlafkrankheit bezeichnet. Hingegen wenn die Bewegungen des Mondes (bei der obersonnigen Konstellation waren ja die Sonnenbewegungen auslösend!) um Merkur- und Venusbahn auslöschende oder hemmend-unterdrückende Konstellationen bewirken, dann wird ja in dem expressiven Felde um die Sonnenstrahlbahn etwas ausgelöscht und es entsteht etwas wie eine strahlige Nadelgestalt. Und wenden wir uns als Heilender an diese Strahlgestalt, so erhalten wir Antimon oder besser: Grau-Spiess-Glanz. Dessen Nadel-Strahl-Gestalt erhält ja manchmal Ausformungen, zu denen Rudolf Steiner bemerkte: Das sieht doch förmlich aus wie eine Explosion! Hier fügte Frau Professor Kostinskaja die wichtige Bemerkung ein: ‚bei uns sagt man, dass man, wenn man mit diesem Mittel Gutes bewirken will, einen gutgestellten Mond haben müsse’. (Und so lernte ich den lunaren Typ in mir ein Stück besser erkennen.)
Mit der Darstellung der beiden astrologischen Konstellationen, die Rudolf Steiner im 18. und 19. Vortrag des ersten medizinischen Kurses angegeben hat, glaubte ich, meine Aufgabe erfüllt zu haben.“ - Mit diesen Worten kommt Schöffler zum Ende seiner Ausführungen.
Der Anthroposophisch-Astrologische Arbeitskreis
Diese Reise nach Kiew stellt einen der Höhepunkte im Leben Dr. Schöfflers dar. Seine Betrachtungen und Schilderungen des Seminars in Kiew beschließt er mit einem optimistischen Blick in die Zukunft: „Zum Abschluss wurden dankbare Worte ausgesprochen. Eine Fortsetzung ist sicher.“
Eine Fortsetzung seiner Bemühungen um eine Annäherung von Astrologie und Anthroposophie hat er tatsächlich ermöglicht, indem er im Alter von 74 Jahren zum Mitbegründer des Arbeitskreises wurde, der sich genau dieser Aufgabe widmet; dieser Anthroposophisch-Astrologische Arbeitskreis ist inzwischen gewachsen, hat sich verzweigt und fortgepflanzt und gehört inzwischen zur Arbeitsgemeinschaft Anthroposophisch-Astrologischer Initiativen, die sich im Rahmen der Tagung „Astrologie und Zeitgeist“ am 8./9.November 2003 in Stuttgart gegründet hat.
Ulrike Voltmer